Unter
den Zwangsarbeiter-Gräbern auf dem Ravensburger Hauptfriedhof befindet sich das
Grab von Katharine Scheptschenko. Sie kam 1944 von Warschau nach Ravensburg –
jedoch nicht als Zwangsarbeiterin, sondern als Flüchtling vor der Roten Armee. In
Ravensburg wie zuvor in Warschau war Katharine Scheptschenko maßgeblich an der
Rettung eines jüdischen Mädchens vor der Verfolgung durch die
Nationalsozialisten beteiligt. Diese Geschichte wird hier erzählt.
Katharine
Scheptschenko wurde 1892 in St. Petersburg geboren. Aufgrund ihrer
antikommunistischen Haltung verließ sie nach der Oktoberrevolution 1917
Russland. Während des Zweiten Weltkriegs lebte sie in Warschau. Hier gab es
eine größere russische Exilgemeinde, die über ein Komitee organisiert war.
Dieses „Russische Komitee“ versuchte, sich mit den deutschen Besatzern zu
arrangieren und die Mitglieder der Exilgemeinde zu unterstützen.
In
Warschau kreuzten sich die Lebenswege von Katharine Scheptschenko und dem
jüdischen Mädchen Henia Harel.

Henia
Ilana Harel (geb. Rosenman) wurde 1928 im polnischen Bialystok geboren. Die
Stadt stellte eines der bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens in dieser Region
dar. Als Bialystok im Juni 1941 von der deutschen Wehrmacht eingenommen wurde,
lebten etwa 50.000 Jüdinnen und Juden in der Stadt, bei einer
Gesamteinwohnerzahl von rund 105.000.
Direkt
nach der Besetzung der Stadt richteten die Deutschen ein Massaker an der
jüdischen Bevölkerung an, dem allein am 27. Juni 1941 über 2.000 Jüdinnen und
Juden zum Opfer fielen. Wenig später errichteten die Besatzer ein Ghetto, in
dem die jüdische Bevölkerung zusammengepfercht leben musste und zur
Zwangsarbeit herangezogen wurde. Im Zuge der „Endlösung der Judenfrage“ wurde
ein Großteil der Jüdinnen und Juden des Ghettos 1943 nach Treblinka deportiert
und ermordet.
Henia
Harel überlebte, weil sie zum Zeitpunkt der Deportation ihre Großeltern zur
Zwangsarbeit außerhalb des Ghettos begleitete. Ihre Eltern wurden jedoch getötet.
Am Ende des Krieges hatten nur rund 200 Jüdinnen und Juden aus Bialystok
Massaker, Ghetto und Vernichtungslager überlebt.

Um
sie vor der Ermordung zu retten, organisierte ein Onkel eine Unterbringung in
Warschau für Henia Harel. Nach Zwischenstationen fand das Mädchen dort schließlich
bei Katharine Scheptschenko Aufnahme. Die Frau und das Mädchen bildeten für die
kommenden Jahre eine Schicksalsgemeinschaft. Katharine Scheptschenko war krank
und auf Hilfe im Haushalt angewiesen, was nun Henia Harel übernahm. Über das
„Russische Komitee“ verhalf Katharine Scheptschenko dem Mädchen zu einer neuen
Identität: Sie wurde unter dem Namen Helena Jegoroff zur Tochter eines
russischen Offiziers. In einer anderen Situation rettete Katharine
Scheptschenko durch forsches und mutiges Eingreifen dem Mädchen das Leben, als
diese enttarnt zu werden drohte.

Aus
Angst vor der vorrückenden Roten Armee, von der die russische Exilgemeinde
Racheakte befürchtete, floh ein Teil der Gruppe im August 1944 von Warschau
nach Deutschland, genauer nach Ravensburg. Es waren wohl die Beziehungen des
„Russischen Komitees“ zu den deutschen Besatzern, die diese Einreise
ermöglichten, und ausschlaggebend für den Zielort Ravensburg dürften
verwandtschaftliche Beziehungen des Komitee-Vorsitzenden gewesen sein. So
gelangten auch Katharine Scheptschenko und Henia Harel, unter dem Namen Helena
Jegoroff, in die Stadt, wo sie bis 1946, vorwiegend in der Frauenstraße,
wohnten.
In
Ravensburg verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Katharine
Scheptschenko zunehmend. Weder ein Kuraufenthalt im Sanatorium Wiesneck noch
ein Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt Weißenau brachten dauerhaft
Besserung. Am 13.11.1946 nahm sich Katharine Scheptschenko das Leben und wurde
auf dem Ravensburger Hauptfriedhof beigesetzt.

Auf
der Suche nach Verwandten verließ Henia Harel daraufhin Ravensburg. In einem Durchgangslager
in Zell am See (Österreich), wo Jüdinnen und Juden auf eine Ausreise nach
Palästina / Israel warteten, kam es tatsächlich zu einem Wiedersehen mit einer
Tante und deren Mann. Außerdem lernte Henia Harel hier ihren späteren Ehemann
kennen. Ende 1948 reiste sie nach Israel ein, heiratete und gründete eine
Familie.
Entscheidenden
Anteil an der Rettung von Henia Ilana Harel hatte Katharine Scheptschenko,
weshalb ihr von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem der Ehrentitel
„Gerechte unter den Völkern“ verliehen und ihr Name auf der Ehrenmauer in der
Allee der „Gerechten unter den Völkern“ verewigt wurde. Dementsprechend wird
sie auch in der Datenbank der „Gerechten unter den Völkern“ geführt: https://collections.yadvashem.org/en/righteous/10558581

In einem Projekttag haben sich
die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9b des Spohn-Gymnasiums intensiv mit
der Verfolgungs- und Rettungsgeschichte sowie deren emotionalen Dimensionen
auseinandergesetzt. Ihre Eindrücke und Gefühle haben sie in Form von
Kohlezeichnungen zum Ausdruck gebracht. Der Film präsentiert die Zeichnungen im
Zusammenhang und macht dabei die unterschiedlichen emotionalen Facetten der
Geschichte sichtbar.




