Am
28. April 2025 jährte sich zum 80. Mal das Kriegsende in Ravensburg. Mit
einer Reihe von Kurzbeiträgen erinnert das Stadtarchiv an das Kriegsende im Frühjahr 1945.
Schon
bald nach Kriegsende stellte sich die Frage nach einer Entschädigung der Opfer
des Nationalsozialismus für das durch die Gewaltherrschaft verübte Unrecht. Zur
Betreuung der rassisch, religiös und politisch Verfolgten wurden auf Kreisebene
zunächst Zentralstellen und später vier Landesämter in Württemberg-Hohenzollern
unter der Aufsicht des Justizministeriums eingerichtet. Das staatliche Bemühen
um "Wiedergutmachung" hatte einerseits die individuelle Entschädigung
verfolgter Personen und andererseits die Rückerstattung widerrechtlich
enteigneter Vermögenswerte zum Inhalt. Alle Verfahren wurden in Einzelfallakten
dokumentiert, die heute eine wichtige Ersatzüberlieferung für die am Kriegsende
meist vernichteten Unterlagen über Deportationen, KZ-Haft oder Vermögensentzug
darstellen.
Nach der Gleichschaltung des
Ravensburger Gemeinderats war der bei der Leinenspinnerei Schornreute tätige
Maximilian Pfau aus Weißenau zusammen mit den SPD-Gemeinderäten Heinrich
Matthiesen und Karl Beese Anfang April 1933 verhaftet worden. Nur
krankheitshalber wurde er zwei Monate später aus dem Gefängnis im Grünen Turm
entlassen. Er zeigte seinen Fall im Mai 1945 beim französischen Gouvernement an
und beantragte 1947 bei der Kreisbetreuungsstelle der Opfer des
Nationalsozialismus in Ravensburg Haftentschädigung. Seine einzigen Vergehen:
Pfau war vor 1933 langjähriges Mitglied der SPD gewesen, hatte als technischer
Leiter des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold in der Bezirksgruppe Ravensburg
fungiert und war als Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges Mitglied im Reichsbundes
der Kriegsbeschädigten und der Gewerkschaft gewesen. Die Kreisbetreuungsstelle
anerkannte Pfau am 28. April 1947 als politisch Geschädigten, jedoch nahm sein
Verfahren erst am 28. März 1951 Fahrt auf, als er mit zahlreichen
eidesstattlich versicherten Zeugenberichten einen Antrag auf Wiedergutmachung
stellte. Am 11. Dezember 1952 erhielt Pfau für den Entzug der Freiheit in Haft
eine Entschädigung von 300 Mark.
Stetige Erinnerung
schafft auch neue Erkenntnis: Der langjährige Sozialdemokrat Maximilian Pfau wurde
in der Erinnerungskultur der Stadt Ravensburg bis vor Kurzem fälschlicherweise
als "kommunistischer Funktionär" bezeichnet. Seine
Wiedergutmachungsakte im Staatsarchiv in Sigmaringen belegt dagegen eindeutig
seine Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie. So lernen wir aus der Vergangenheit
immer wieder Neues für die Zukunft.
Quellen
und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 12 Einwohnermeldeamt Eschach Maximilian
Pfau; Staatsarchiv Sigmaringen Wü 13 T 2 Nr. 2588/465; Wü 13 T 1 Bü 7194;
Oberschwäbische Volkszeitung 25.04.1933; Franz-Josef Ziwes: "Unrecht nach
Kräften wiedergutzumachen". Die Wiedergutmachung in
Württemberg-Hohenzollern im Spiegel der Überlieferung des Staatsarchivs
Sigmaringen, in: Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte 43 (2007), S.
261-274.
"Ich
wehrte mich mit Händen und Füßen und schrie heftig, woraufhin mich der Soldat
losließ. […] Ich empfinde dieses Verhalten einer Frau und Mutter gegenüber als extrem
beleidigend". Dieses Zitat aus einem Polizeiprotokoll vom 21. September
1945 steht stellvertretend für all diejenigen Frauen aus Ravensburg, die nach
Kriegsende sexuell belästigt und vergewaltigt wurden. Die Gewalttaten, die von
französischen Besatzungssoldaten begangen wurden, sind unter anderem in Akten des
Stadtarchivs Ravensburg dokumentiert.
Eine
Aussage darüber, in welchem Ausmaß nach Kriegsende Gewalt gegen Frauen ausgeübt
wurde, ist auf Basis der vorhandenen Quellen schwierig. Es ist davon
auszugehen, dass der Großteil der begangenen Taten nicht zur Anzeige gebracht
wurde. Peter Eitel kommt anhand der Auswertung von Geburtenregistern der Stadt
Ravensburg zu dem Ergebnis, dass im Jahr 1946 von 675 in Ravensburg geborenen Kindern
224 unehelich waren. Das entspricht 33,2 Prozent. Dass
es sich um eine Vielzahl begangener Gewalttaten gehandelt haben muss, belegt
auch eine Verfügung von Landrat Hermann Bendel vom 5. Juni 1945. Er informiert
darin über die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs für Frauen, die
infolge einer Vergewaltigung schwanger geworden waren. Bei "einwandfrei
nachgewiesenen Vergewaltigungen" könne eine Unterbrechung der
Schwangerschaft genehmigt werden. Zuerst mussten sich die Frauen allerdings
einer demütigenden Überprüfung ihres Falls unterziehen. Dem Antrag musste eine
genaue Darstellung der Vergewaltigung inklusive Zeugenaussagen und einer
Bestätigung der Anzeige bei der Polizei beigelegt werden. Außerdem mussten die
Schwangeren Auskunft über ihr Sexualleben vor und nach der Vergewaltigung
geben. Über die Bewilligung des Schwangerschaftsabbruchs entschied dann der
Landrat persönlich.
Quellen
und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 03 Bü 4029, Bü 4115; A II Bü 3163;
Dorothee Breucker/Sabine Mücke: Immer noch ein Tabu-Thema. Gewalt gegen Frauen
bei Kriegsende, in: Sibylle Emmrich (Hrsg.): Kriegsende und Neubeginn. Das Jahr
1945 in Ravensburg, Weingarten und Umgebung, Ravensburg 1996, S. 80-85; Peter
Eitel: Ravensburg im 19. und 20. Jahrhundert, Ostfildern 2004, S. 302-303.
Der
Radioapparat und das Telefon sind beschlagnahmt, Briefe werden nicht mehr zugestellt
und Zeitungen ohnehin nicht mehr veröffentlicht. Die einzige Möglichkeit, um an
Informationen zu gelangen: Das Haus verlassen, einen Blick auf die städtischen
Anschlagtafeln werfen und abwarten, ob sich im Gespräch mit Bekannten etwas in
Erfahrung bringen lässt. Möglich ist das aber nur tagsüber, während der
nächtlichen Sperrstunde ist das Verlassen der Wohnung verboten. Die
Kontaktaufnahme mit Familienangehörigen außerhalb der Stadt ist schwierig. Denn
die Züge fahren nicht mehr und außerdem benötigt man einen Passierschein, um
das Stadtgebiet zu verlassen.
Diese
und weitere Einschränkungen prägten das Leben der Ravensburger Bevölkerung in
der unmittelbaren Nachkriegszeit. Besonders gravierend war die
Lebensmittelknappheit. In den Geschäften erhielt jeder Einwohner im Tausch
gegen Lebensmittelmarken nur fest zugeteilte Rationen. "Wer keinen
Lebensmittelvorrat oder wenigstens Kartoffeln besaß, musste den Gürtel gewaltig
enger schnallen", erinnerte sich ein Zeitzeuge.
In
der Not versuchten die Ravensburger, sich auf den umliegenden Bauernhöfen durch
Tauschgeschäfte das Lebensnotwendigste zu besorgen. Auch Diebstähle waren verbreitet,
wie beispielsweise in der Nacht auf den 1. Juli 1945 in der Gärtnerei Wilhelm
Henninger in der Gänshalde. Von mutmaßlich zwei Personen wurden mehrere hundert
Stück Gemüse geklaut – der Feldaufseher forderte verschärfte Strafen. Um die Not
der Bevölkerung zu lindern, richtete die Stadtverwaltung mit Unterstützung des
Roten Kreuzes eine Volksküche in der Wirtschaft zur Räuberhöhle ein. Frühstück
und ein warmes Mittagessen erhielten bedürftige Menschen dort unentgeltlich. Im
Mai 1945 gab die Volksküche pro Tag knapp 400 Mittagessen an Privatpersonen
aus.
Quellen
und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 03 Bü 376, Bü 3481; X Bü 324, Bü 325,
Bü 327, Bü 420; Peter Eitel: Ravensburg im 19. und 20. Jahrhundert, Ostfildern
2004, S. 308-309.
Ehemalige
Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen, Flüchtlinge und
befreite KZ-Häftlinge – mehr als 10 Millionen so genannte Displaced Persons
befanden sich bei Kriegsende in Deutschland. Sie alle waren kriegsbedingt oder aufgrund
von nationalsozialistischer Verfolgung und Verschleppung nicht mehr in ihren
Heimatländern. Doch auch nach Kriegsende im Frühjahr 1945 war an eine rasche
Rückkehr in die Herkunftsländer häufig nicht zu denken.
Auch in
Ravensburg befanden sich im Oktober 1945 noch immer mehr als 2000 Personen mit
ausländischer Staatsbürgerschaft. Sie kamen unter anderem aus Polen, Estland,
Lettland und Litauen oder galten als staatenlos. In diese zeitgenössische
Erhebung nicht einberechnet waren die in Sammellagern untergebrachten Personen,
beispielsweise aus Polen und Russland. Solche Lager wurden etwa auf dem Gelände
der Maschinenfabrik Escher Wyss, in der Gewerbeschule in der Marktstraße 28 oder
in der Wirtschaft zum Schwanen im Pfannenstiel eingerichtet.
Auch die Veitsburg und
das Schulgebäude St. Christina dienten zur Unterbringung von Displaced Persons.
Ende Mai 1945 kamen dort 246 ehemalige KZ-Häftlinge mit französischer
Staatsbürgerschaft unter. Die Männer und Frauen waren von den
Nationalsozialisten unter anderem im Konzentrationslager Mauthausen inhaftiert
worden und nach ihrer Befreiung nun auf dem Rückweg nach Frankreich. In welcher
Verfassung die Menschen gewesen sein mussten, lässt sich anhand der
zeitgenössischen Akten nur erahnen. Schuhe und weitere Kleidungsstücke von
Socken bis Pullover, Handtücher, Seife, Zahnbürsten und Kämme musste die Stadt
Ravensburg auf Anweisung der Militärverwaltung für die Menschen zur Verfügung stellen.
80 Personen trafen erst verspätet in Ravensburg ein, da sie aufgrund ihres
schlechten Zustands nicht hatten weiterreisen können.
Quellen
und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 03 Bü 3348, Bü 4027, Bü 4142, Bü
4179/1; Peter Eitel: Ravensburg im 19. und 20. Jahrhundert, Ostfildern 2004, S.
299, S. 305-307.
"Der
Bürgermeister der Stadt Ravensburg hat bis morgen zu liefern: 90 Betten mit
Matratzen, 8 französische Fahnen, 8 Schlafzimmer für Offiziere, ein
Speisezimmer und eine Küche". So lautete einer der schriftlichen Befehle
der französischen Besatzer am 14. Mai 1945, die in der unmittelbaren
Nachkriegszeit täglich bei Bürgermeister Ludwig Steimle eingingen. Neben dem
Bedarf an Wohnraum zählten zu den requirierten Sachgütern fast alle Dinge des
täglichen Lebens, zum Beispiel Kohlen und Brennholz, Auto- und Fahrradreifen,
Lederkoffer und Pyjamas, Autos und Motorräder, Automechaniker und ihre
Arbeitskraft oder "1 Lederband, passend für eine Damenuhr". Eilig
gekritzelte Erledigungsvermerke und andere Notizen des Bürgermeisters zeigen,
wie die französische Besatzungsmacht ihren Siegerstatus dazu nutzte, die Zivilbehörden
und mit ihr auch die Bevölkerung durch kaum machbare Dringlichkeit und
Überforderung einzuschüchtern. Denn sich häufig überschneidende Befehle zur Aufbringung
von Sachgütern, Wohnraum, Personal und Dienstleistungen erfolgten im Mai 1945
täglich und waren bei nicht rechtzeitiger Ausführung mit Geldstrafen bis zu 2000
Mark belegt. Insbesondere die Beschlagnahmung von Zimmern, Wohnungen und ganzen
Wohnhäusern griff stark in das persönliche Leben und den Alltag der
Ravensburger ein. Offiziell wurde vor allem der Wohnraum ehemaliger NSDAP-Mitglieder
requiriert, aber auch andere repräsentative Häuser in der Stadt wurden für die
Unterbringung der Offiziere und der höheren Besatzungsbeamten oder die Zwecke der
Militärverwaltung beschlagnahmt. Insgesamt standen im September 1945 in
Ravensburg 34 Häuser, 69 Wohnungen und 1749 Zimmer, 7 Schulen, 20 öffentliche
Gebäude und 61 Hotels, Restaurants und Cafés in der Verfügungsgewalt der Franzosen.
Die Gebäude wurden zum größeren Teil für Zwecke der Besatzung, aber auch für
die noch in der Stadt verbliebenen ausländischen Zwangsarbeiter genutzt.
Quellen
und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 03 Bü 4028, Bü 4115; X Bü 327; N 17 Bü 4;
Peter Eitel: Ravensburg im 19. und 20. Jahrhundert, Ostfildern 2004, S. 299.
Mit der Kapitulation der deutschen
Wehrmacht am 8. Mai 1945 waren auch rund um die Stadt Ravensburg die
Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs beendet. Und doch waren der Krieg und
seine Folgen in der Stadt allgegenwärtig: Die Lazarette waren voll von kranken
und verwundeten Soldaten, die es zu versorgen galt.
Im
Elisabethenkrankenhaus bestand bereits seit Kriegsbeginn im Jahr 1939 ein
Lazarett. Nun gab die französische Besatzungsarmee am 2. Mai 1945 den Befehl,
alle Krankenzimmer zu räumen. Die verwundeten und kranken Soldaten mussten in andere
Lazarette verlegt werden. Sie kamen ins "Klösterle", das Josefhaus oder
die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt in Weißenau. "Ein Teil [der
Soldaten, Anm. d. Verf.] steht mit Krücken im Beckengips oder amputierten Bein
im Gang, über die Schulter ein Päckle oder eine Schachtel umgehängt". So wird
die Räumung in der Chronik des Krankenhauses beschrieben. In den freigewordenen
Räumen richteten die französischen Besatzer dann ein eigenes Lazarett ein. Nun herrschte
in den restlichen Lazaretten in Ravensburg eine drangvolle Enge. Denn die Stadt
wurde schnell zur Durchgangsstation für deutsche Soldaten bei ihrer Rückführung
aus ehemaligen Kriegsgebieten und französischen Gefangenenlagern. Nach ihrer
Ankunft in Ravensburg galt es, die Kranken und Verwundeten bestmöglich zu
versorgen und medizinisch zu behandeln. Doch die Umstände waren schwierig, wie Zeitzeugenberichte
aus dem Lazarett Weißenau anschaulich darstellen. Das mit 800 Betten ausgestattete
Lazarett sei schnell überbelegt gewesen. Es habe an einfachsten
Einrichtungsgegenständen, wie beispielsweise Waschschüsseln, gefehlt, aber auch
an Medikamenten und Verbandsmaterial. Die Ernährung wurde als miserabel
bezeichnet. Viele der ehemaligen Soldaten starben, fast 200 wurden auf dem
Friedhof Mariatal beigesetzt.
Quellen
und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg X Bü 420, Bü 430, Bü 728; Johannes
Blumentrath (Hg.): Das Kriegsgefangenen-Lazarett Weissenau. Geschichte und
Geschichten, Overath-Immekeppel 1978; Peter Eitel: Ravensburg im 19. und 20.
Jahrhundert, Ostfildern 2004, S. 299, S. 307-308.
Auf Veranlassung
des Kreisleiters Carl Rudolf und unter Druck der NSDAP waren durch
Eingliederungsvertrag vom 14. Dezember 1938 die Städte Ravensburg und
Weingarten unter eine gemeinsame Verwaltung mit Sitz in Ravensburg gestellt
worden. Die Eingemeindung der Stadt Weingarten nach Ravensburg erfolgte
offiziell mit Wirkung vom 1. April 1939. Da die von den Nationalsozialisten
erzwungene Fusion ohne freie Meinungsäußerung der Einwohnerschaft beider Städte
vollzogen worden war, machte die französische Militärregierung sie noch am 28.
April 1945 rückgängig. Als Bürgermeister von Weingarten wurde am 7. Mai 1945
wieder der 1937 aus seinem Amt vertriebene Wilhelm Braun eingesetzt. Als zu
Beginn des Jahres 1946 auch die notwendige Auseinandersetzung der Kassen- und
Vermögensverwaltung angestoßen wurde, stimmte das Staatssekretariat der
Landesdirektion des Innern der Ausgemeindung Weingartens aus Ravensburg zum 1.
April 1946 ebenfalls rasch zu. Am 3. April 1946 wurde die wiedererlangte
politische Selbstständigkeit Weingartens mit einer Feierstunde und einem
Dankgottesdienst im Münster feierlich begangen. Die tatsächliche Rückabwicklung
zog sich jedoch bis in den Sommer 1949, als eine gemeinsame
Ausgemeindungsvereinbarung getroffen wurde, die gleichzeitig den Grundstein für
eine enge Zusammenarbeit zwischen den beiden Städten legte. Die am 14. Januar
1949 verfassten Kooperationsvorschläge zur Bewältigung der Nachkriegszeit
betrafen etwa den Wohnungsbau, die Infrastruktur, den Fremdenverkehr sowie
Kultur, Sport und Jugend. Vereinbart wurde beispielsweise, die Spezialfahrzeuge
der Ravensburger Müllabfuhr an bestimmten Wochentagen der Stadt Weingarten zu
überlassen, die Weingartner Metzger den Ravensburger Schlachthof und die
Ravensburger Sportvereine das Weingartner Stadion nutzen zu lassen. Aus jener
Zeit stammen auch bereits die Vorschläge, das "Bähnle" durch einen
Omnibusverkehr zu ersetzen, um Baienfurt und Weißenau verkehrstechnisch besser
anzubinden.
Quellen und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 03 Bü 120, Bü 121, Bü 212, Bü 325, Bü 353; Schwäbische Zeitung vom 9. April 1946.
Nach der französischen Besetzung im
Frühjahr 1945 war es eine der ersten Aufgaben der städtischen Verwaltung, die
NS-belasteten Straßennamen zu überprüfen und neue Bezeichnungen vorzuschlagen. Die
Nationalsozialisten hatten in den Jahren zuvor eine Reihe von Um- und
Neubenennungen von Straßen und Plätzen vorgenommen. Namensgeber waren NS-Größen
und vermeintliche "Märtyrer" der nationalsozialistischen Bewegung.
Als erste Instanz wurde das
Stadtplanungsamt mit dieser Aufgabe betraut. In einem Bericht an den
Ravensburger Bürgermeister vom 24. Mai 1945 nannte das Amt gut ein Dutzend
Straßen und schlug gleichzeitig vor, diese "nach einwandfreien Helden aus
dem vergangenen Krieg" zu benennen. Dieser Vorschlag, der den Geist des
Nationalsozialismus atmete, wurde nicht umgesetzt. Am 1. Juni 1945 verfügte
Bürgermeister Ludwig Steimle die Umbenennung von insgesamt 13 Straßen. Als neue
Namensgeber waren etwa Politiker aus der Zeit der Weimarer Republik oder
Künstler vorgesehen. So wurde aus der nach dem württembergischen Gauleiter der
NSDAP benannten Wilhelm-Murr-Straße die Eugen-Bolz-Straße.
Der zentral in der Stadt gelegene
Adolf-Hitler-Platz wurde zum Marienplatz. Seine Bezeichnung soll er einem
Zeitzeugenbericht nach zu Ehren der Muttergottes, welche die Stadt Ravensburg
im Krieg beschützt habe, erhalten haben. Ebenfalls einen neuen Namen erhielt
die ehemalige Judenstraße. Die Nationalsozialisten hatten sie im Jahr 1934 nach
Herbert Norkus, einem zwei Jahre zuvor getöteten Hitlerjungen, benannt. Nun sah
es die Stadtverwaltung offenbar als nicht notwendig an, der Straße ihren
ursprünglichen Namen wiederzugeben. Stattdessen entschied man sich für die
Bezeichnung Grüner-Turm-Straße.
Quellen und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 03 Bü 2068, Bü 2150; X Bü 456; Peter Eitel: Ravensburg im 19. und 20. Jahrhundert, Ostfildern 2004, S. 305; Wolf-Ulrich Strittmatter: Politische Säuberung in Ravensburg 1945-1952, in: Peter Eitel (Hg.): Ravensburg im Dritten Reich, Ravensburg 1997, S. 412-466, hier S. 413.
Unmittelbar nach Kriegsende entstand in Ravensburg die Erzählung, die Stadt sei in den letzten Kriegstagen vor einer als sicher geglaubten Zerstörung durch alliierte Bomben verschont geblieben. Der Topos von der Rettung der Stadt konzentrierte sich über viele Jahrzehnte hinweg auf das am 10. April 1945 im Wüwa-Speichergebäude an der Meersburger Brücke eingerichtete Verteillager des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf (IKRK). Die Existenz der humanitären Einrichtung, die seit Mitte April 1945 durch das Emblem des Roten Kreuzes und das Schweizer Hoheitszeichen auf dem mächtigen Ziegeldach des Lagerhauses gekennzeichnet war, konnte jedoch bewiesenermaßen nicht verhindern, dass der schwerste Bombenangriff die Stadt Ravensburg erst am 26. April 1945 traf. Dabei wurden 22 Häftlinge im Amtsgerichtsgefängnis und zwei Zivilisten getötet. Als eine der Quellen für die stetige Weitertradierung des Topos kann der nach dem Krieg verbreitete Bericht des Mitarbeiters des Auswärtigen Amts Dr. Ernst Kundt vom 20. Dezember 1945 ausgemacht werden. Er führt darin an, dass die französischen Truppen lediglich aufgrund der Existenz des Verteillagers des IKRK "am 28. April eine unzerstörte Stadt" vorfanden. Presse, Literatur und Geschichtsschreibung ließen bis vor Kurzem unkritisch stehen, dass Kundt diesen Bericht im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens verfasst hatte. Das Schriftstück kann daher nicht als Tatsachenbericht gelesen werden. Neuen Forschungen zufolge ist dagegen Fakt, dass Ravensburg für die Alliierten im April 1945 keinerlei bevorzugtes Angriffsziel darstellte. Zudem war zumindest britischen Bomberpiloten bereits am 6. April der Beschuss deutscher Städte verboten worden. Auch konnte nachgewiesen werden, dass keiner der Bombenabwürfe auf die Stadt im April 1945 ein geplanter Angriff war. Das Potential, Ziel eines zerstörerischen Bombenangriffs zu werden, war daher gering.
Quellen und Literatur: Stadtarchiv
Ravensburg D 16 Bü 90; S 01 II 1 e 2; X Bü 324-6 und Bü 325-2; David Bete /
Silke Schöttle: Das Verteillager des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz
im Jahr 1945 in Ravensburg – Schutz vor Bomben in den letzten Kriegstagen? Ein
Faktencheck, in: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner
Umgebung 143 (2025), erscheint im Herbst 2025.
Mit Einnahme der Stadt am 28. April 1945 begannen die französischen Truppen in Ravensburg unverzüglich mit der Suche nach politisch belasteten Personen und Angehörigen der Wehrmacht. Zur Prüfung der Personalien wurden daher am 1. Mai 1945 alle Ravensburger Männer zwischen 16 und 45 Jahren in den Werkhof der Maschinenfabrik Escher Wyß einbestellt. Denn die Mitgliederkarteien der drei lokalen Ortsgruppen der NSDAP Ravensburg-Kuppelnau, Ravensburg-Mitte und Ravensburg-Veitsburg waren zu diesem Zeitpunkt versteckt, vernichtet oder aus einem anderen Grund nicht auffindbar. Weil sich diese Untersuchung offenbar als schwierig erwies, wurden die volljährigen Männer am 19. Mai 1945 erneut auf die Kuppelnau zitiert. Dort sollte geklärt werden, wer Mitglied der NSDAP gewesen war und wer Ämter innerhalb der Partei bekleidet hatte. Darauf sollen circa 80 Männer sofort verhaftet und in das 1940 ursprünglich für Kriegsgefangene errichtete Internierungslager in der Ziegelstraße gebracht worden sein. Jetzt diente es den französischen Truppen als Camp des Détenus Politiques, wie es bis Ende 1946 offiziell hieß. Teile der Mitgliederkartei der NSDAP-Ortsgruppe Ravensburg-Mitte mit einem dazugehörigen Stempel wurden erst im Jahr 2021 bei den Bauarbeiten zur Sanierung der Bauhütte wieder aufgefunden. Die Karteireste befanden sich in einer Dachgaube und wurden bei dieser Gelegenheit dem Stadtarchiv übergeben. In der Bauhütte am damaligen Adolf-Hitler-Platz 52-54 hatten die Ortsgruppen Ravensburg-Kuppelnau und Ravensburg-Mitte sowie die Hitlerjugend ihr Lokal. Weil die Karteien entweder vernichtet oder wie in diesem Fall versteckt worden waren, fertigten die französischen Besatzer in Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden im Zuge ihrer Untersuchungen ausführliche eigene Listen über die Mitgliedschaften in der NSDAP und anderer NS-Organisationen an.
Quellen und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 03 Bü 4071, Bü 4072, Bü 4073; S 60 A 02/003; X Bü 149, Bü 324-15, Bü 320/1-7; Wolf-Ulrich Strittmatter: Politische Säuberung in Ravensburg 1945-1952, in: Peter Eitel (Hg.): Ravensburg im Dritten Reich, Ravensburg 1998, S. 412-466.
Die französische Trikolore weht im Wind, Wimpel schmücken das Gebäude der Militärkommandantur in der Seestraße und an anderen Orten in der Stadt. So zumindest beschreibt ein Zeitzeuge das Stadtbild am 9. Mai 1945. Einen Tag nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht feierten auch die französischen Soldaten in Ravensburg den Sieg. Auf dem heutigen Marienplatz soll unter den Augen zahlreicher Zuschauer eine Parade der französischen Truppen stattgefunden haben. Begleitet von Blasmusik und Trommelwirbel sei die französische Flagge gehisst worden. Spätestens jetzt war klar: Die französische Besatzungsmacht ist in den Ravensburger Straßen allgegenwärtig. Zu den Soldaten kamen schon bald zivile Mitglieder der Militärverwaltung, einige brachten auch ihre Familien mit nach Ravensburg. Die Franzosen besetzten mehrere Gebäude in der Stadt: Neben der Seestraße 32 als Sitz der französischen Militärverwaltung waren es beispielsweise die Turnhalle auf der Kuppelnau, das städtische Schlachthaus und das Elisabethenkrankenhaus. In der Wirtschaft zum Bärengarten wurde ein französisches Proviantamt zur Versorgung der Besatzer eingerichtet. Deutsche hätten Zeitzeugenberichten nach zu den beschlagnahmten Gaststätten keinen Zutritt mehr gehabt. Auch in der Liebfrauenkirche habe jeden Sonntagmorgen ein separater Gottesdienst für die französischen Offiziere und Soldaten stattgefunden. Doch Berührungspunkte mit der Ravensburger Bevölkerung gab es allemal. So äußerte sich Stadtpfarrer Edwin Nieder mit Missbilligung über einige Ravensburger Einwohnerinnen, die "sich an die Soldaten hängen, mit ihnen in den Wäldern herumstrolchen und im Gemeinschaftsbad liegen".
Quellen und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 03 Bü 4028; X Bü 324-2, Bü 325, Bü 456; Peter Eitel: Ravensburg im 19. und 20. Jahrhundert, Ostfildern 2004, S. 301-302, S. 305-307.
Zur Verwaltung der besetzten Stadt war die französische Militärkommandantur auf die Zusammenarbeit mit der deutschen Zivilverwaltung angewiesen. Was seit Juli 1945 unter dem Begriff der Entnazifizierung zu einer gemeinsam beschlossenen und umgesetzten Politik der Siegermächte in Deutschland wurde, nahm seinen Anfang unmittelbar nach Kriegsende: Gesellschaft, Presse, Justiz, Politik und Verwaltung sollten von den Einflüssen des Nationalsozialismus befreit werden. Daher wurden Parteimitglieder und andere politisch Belastete aus den öffentlichen Ämtern entfernt und durch geeignete Personen ersetzt. Am 7. Mai ernannte Gouverneur Steiner den Rechtsanwalt Hermann Bendel zum kommissarischen Landrat. Bendel war bis 1933 Vorsitzender des Zentrums im Ravensburger Gemeinderat gewesen und hatte sein Mandat am 19. Juli 1933 gezwungenermaßen niederlegen müssen. In der Nachfolge von Rudolf Walzer wurde am 9. Mai Ludwig Steimle kommissarischer Bürgermeister der Stadt. Steimle, der ebenfalls dem Zentrum angehört hatte, war bis 1933 Bürgermeister von Amtzell gewesen und war von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt worden. Im Anschluss fand er Anstellung als Rechnungsprüfer im kirchlichen Dienst in Ravensburg und beim Landratsamt in Tettnang. Mit Wirkung vom 31. Mai wurden zudem die zwei ehrenamtlichen Beigeordneten, die elf Ratsmitglieder und vierzig Beamte und Angestellte der Stadtverwaltung vorläufig entlassen, weil sie Parteiämter bekleidet hatten. Mit einem bemerkenswerten Aufruf wandte sich der neue Landrat Bendel am 28. Mai 1945 an die Bevölkerung und prangerte jene an, die 1933 "mit Heilgeschrei und Fackelzügen" begonnen hatten und sich jetzt "als harmlose Staatsbürger" tarnten. Er kündigte an, sein Kreisgebiet "bis in das kleinste Dorf von schuldigen Trägern des braunen Systems" zu befreien und stieß damit die Entnazifizierung auf lokaler Ebene an.
Quellen und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg D 03 Bü 165, Bü 535; S 60 A 01/008; Schwäbische Zeitung 26.04.1946 und 07.07.1987; Wolf-Ulrich Strittmatter: Politische Säuberung in Ravensburg 1945-1952, in: Peter Eitel (Hg.): Ravensburg im Dritten Reich, Ravensburg 1998, S. 412-466, hier S. 416, 446.
"Meine Tätigkeit, die während 13 Jahren in uneigennütziger Weise aufs Wohl meiner Vaterstadt abgestellt war, hat […] ihr Ende gefunden". Mit diesen Worten zog Bürgermeister Rudolf Walzer in Erinnerung an die Geschehnisse im Mai 1945 Bilanz. Der gebürtige Ravensburger war am 12. Mai 1932 zum Bürgermeister gewählt worden. Knapp ein Jahr später trat er in die NSDAP ein und behielt auch in der Zeit des Nationalsozialismus seine Position im Rathaus. Als die französische Armee die Stadt besetzte, wurde Walzer am 14. Mai 1945 seines Amtes enthoben. Anschließend plante Walzer die Rückkehr in seinen Beruf als Maschineningenieur. Doch unter französischer Besatzung setzten nun die Maßnahmen zur Entnazifizierung ein. Die nationalsozialistische Ideologie sollte ausgemerzt und deren Anhänger zur Verantwortung gezogen werden. Auch Walzer war betroffen und wurde vorübergehend mit einem Berufsverbot belegt.Die Frage, inwieweit Walzer sich dem verbrecherischen Regime der Nationalsozialisten angepasst, es gar aktiv unterstützt hatte, wurde in den Jahren 1946 bis 1949 vor verschiedenen Untersuchungsausschüssen und Spruchkammern verhandelt. Am 12. Mai 1949 wurde Walzer als "Mitläufer" eingestuft und zu einer Geldstrafe von 100 DM verurteilt. Ihm könne "ein besonders starkes Eintreten für die Ziele der NSDAP nicht vorgeworfen werden". Das Urteil entsprach dem Zeitgeist, erhielt doch ein Großteil der vor den Spruchkammern Angeklagten die Einstufung als "Mitläufer". Die Frage nach der individuellen Verantwortung eines Einzelnen für sein Handeln im NS-Regime muss jedoch offenbleiben. Im Jahr 1949 begann Walzer mit dem Aufbau einer Maschinenbauwerkstatt, die er bis Mitte der 1960er-Jahre betrieb. Er verstarb am 12. Januar 1970 im Alter von 80 Jahren in Ravensburg.
Quellen und Literatur: Stadtarchiv Ravensburg X Bü 324-2; D 13 Sterberegister 1970; Staatsarchiv Sigmaringen Wü 13 T 2 Nr. 2684/239; Peter Eitel: Rudolf Walzer – Ravensburgs Bürgermeister im Dritten Reich, in: Peter Eitel (Hg.): Ravensburg im Dritten Reich, Ravensburg 1997, S. 87-100.
Nach der Befreiung Frankreichs überquerte die 1. französische Armee am 31. März 1945 in der Pfalz den Rhein und rückte von dort aus in den Südwesten vor. Während in Ravensburg Kreisleiter Carl Rudorf mit dem "Volkssturm" Widerstand zu leisten gedachte und der Übergangsbürgermeister Max Luib das Zeigen weißer Flaggen als "ehrlos" bezeichnete, entschied sich der amtierende Ravensburger Bürgermeister Rudolf Walzer in den letzten Kriegstagen zur kampflosen Übergabe der Stadt. Ravensburger Bürger hatten ihn am 19. April in einem anonymen Schreiben dazu aufgefordert. Weil ihm die Verhaftung durch die Geheime Staatspolizei drohte, versteckte Walzer sich nach eigenem Bericht am 23. April außerhalb der Stadt, kehrte am 26. April jedoch zurück. Im Klösterle, das bereits seit Jahren als Lazarett fungierte, hatte sich nach eigener Erzählung des Stabsarztes Dr. Karl Lang in den letzten Kriegswochen ein bewaffneter Verband aus verwundeten Offizieren und anderen Männern organisiert. Die Gruppe um Karl Lang soll sich dazu bereit gehalten haben, mit Waffengewalt einzuschreiten, hätte die Ravensburger Kreisleitung mit Hilfe der SS eine kampflose Übergabe der Stadt gefährdet. Karl Lang soll auch Sorge dafür getragen haben, dass Bürgermeister Walzer sich bis zum Eintreffen der französischen Truppen in Sicherheit im Klösterle zur Verfügung halten konnte. Am 28. April zogen französische Panzertruppen in die Stadt, um Rathaus und Kreisleitung unter ihre Kontrolle zu bringen. Auf Mehlsack und Rathaus sollen weiße Flaggen geweht haben, während sich laut Augenzeugenberichten im Amtszimmer des Bürgermeisters die Übergabe der Stadt an die Besatzungstruppen vollzog. Für die Zivilbevölkerung erließ die französische Ortskommandantur noch am 28. April 1945 eine nächtliche Ausgangssperre und forderte die sofortige Ablieferung sämtlicher Waffen. Bei Zuwiderhandlung sollten die Eigentümer erschossen und ihre Häuser in Brand gesteckt werden.
Literatur und Quellen: Stadtarchiv Ravensburg D 01 Entschließungsbuch 1945 Nr. 161, S 60 A 02/004, X 14, X 324-1 und 324-2, X 455; Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Berlin RZ 512/127528; Schwäbische Zeitung Ravensburg 26.04.1946.