Gedenkbuch für die Opfer der NS-"Euthanasie" der Stadt Ravensburg

Während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und Osteuropa sind weit über 300.000 behinderte und psychisch kranke Menschen systematisch deportiert und umgebracht worden. Nach derzeitigem Forschungsstand hat alleine die oft auch als „Euthanasie“ bezeichnete „Aktion T4“ circa 70.000 Menschen das Leben gekostet. Die „grauen Busse“, mit denen die Menschen aus den Anstalten abgeholt worden sind, gelten heute als Symbol für dieses planmäßig durchgeführte Verbrechen.


Auch Menschen aus dem heutigen Landkreis Ravensburg wurden damals ermordet, weil sie eine körperliche oder geistige Behinderung hatten oder psychisch krank waren. Heute sind die Namen von 109 Bürgern bekannt, die ursprünglich in den Städten und Orten des heutigen Kreisgebiets Ravensburg lebten und von hier aus interniert, deportiert und schließlich umgebracht wurden. Viele von ihnen wurden in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht. Die Stadt Ravensburg selbst hat nach bisherigen Recherchen 24 Opfer zu beklagen, die von den damaligen Anstalten Weissenau (10) und Liebenau (14) mit den Grauen Bussen abgeholt wurden. Von den meisten dieser Menschen weiß man bisher aber nicht viel. Von einigen Opfern sind erhaltene Krankenakten im Bundesarchiv Berlin recherchiert und dokumentiert worden.


Bürger werden um Informationen gebeten

Das Erinnerungs- und Forschungsprojekt „NS-Euthanasie“ will mehr Licht in dieses dunkle Kapitel der Geschichte der Raumschaft Ravensburg bringen und das Andenken an die Opfer bewahren. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt und des Kreises Ravensburg sind aufgerufen, sich diesem Thema aktiv zuzuwenden:


  • Ist Ihnen jemand von der Opfer-Liste bekannt?
  • Haben Sie Informationen über das Leben und Schicksal dieser Menschen?
  • Waren Personen aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis Ihrer Familie von der „Aktion T4“ betroffen?
  • Suchen Sie selbst nach solchen Informationen über das Schicksal von Personen aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis Ihrer Familie?

Das Kulturamt der Stadt Ravensburg hat es sich zum Ziel gemacht, möglichst viel über das Schicksal dieser Menschen in Erfahrung zu bringen und zu dokumentieren. Daraus sollen eine Opfer-Datei und ein Gedenkbuch entstehen, um den Opfern nicht nur einen Namen zu geben, sondern wenn möglich ihre Geschichten zu erzählen und die Erinnerung an sie in ihrer Heimat zu verorten. Was in der Region geschehen ist, darf kein Tabu sein. Das sind wir den Opfern und kommenden Generationen schuldig.


Bitte teilen Sie uns mit, wenn Sie Kenntnisse über die Opfer besitzen:
Kulturamt, Stadt Ravensburg, Seestraße 9, 88214 Ravensburg, Telefon 0751 82-168
E-Mail

Hintergrundinformationen:

Allgemein:
www.gedenkstaette-grafeneck.de
www.gedenkort-t4.eu


Regional:
Der Umgang mit Angehörigen der Opfer der Aktion „T4“ durch die NS-Behörden und die Anstalten in Württemberg:
https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/s-0044-100193


„Euthanasie“-Opfer aus der Schweiz in der „Aktion-T4“ - Schicksale von ausgewiesenen Deutschen in den Heilanstalten Weissenau und Reichenau:
https://sanp.ch/en/article/doi/sanp.2018.00574/

Datei der „Euthanasie“-Opfer der Stadt Ravensburg

Diese Opfer-Datei erfasst die Namen aller derzeit bekannten Personen, die in Ravensburg geboren wurden oder dort zuletzt gelebt haben, bevor sie in Anstalten für Behinderte oder psychisch Kranke aufgenommen und schließlich im Rahmen der NS-„Euthanasie“ umgebracht worden sind. Da es sich um ein andauerndes Forschungsprojekt handelt, sind Fehler und Unvollständigkeiten zu erwarten. Für Hinweise auf Fehler im Detail sind wir dankbar.


Im Vorfeld der Veröffentlichung dieser Namensliste der Opfer haben die Forscher versucht, nach heutigen Angehörigen zu recherchieren (Geburtsregister, Telefonbücher etc.) – dies war bislang, außer bei einer Betroffenen, vergeblich. Wir veröffentlichen hier die Namen mit dem Ziel, dass Angehörige und Bekannte sich melden und uns Dokumente zur Verfügung stellen, um den Opfer wieder ein Stück Identität geben zu können.


Sofern Nachfahren der Opfer, die den Forschern bislang nicht bekannt waren, eine Löschung des Namens wünschen, wird dies selbstverständlich sofort umgesetzt bzw. eine Pseudonymisierung vorgenommen. Die Opferliste wird regelmäßig aktualisiert.

Rudolf Angele

geboren am 16.05.1904
Einrichtung: Weissenau ab 13.02.1933

Datum der Verlegung: 10.06.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 10.06.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Rudolf Angele wurde im Alter von 26 Jahren am 15.4.1931 in die Heilanstalt Weißenau aufgenommen. Aufgewachsen ist er in Ravensburg, dort hatte er auch seinen letzten Wohnsitz, geboren ist er in Munderkingen am 16.5.1904. Sein Vater war Oberlehrer in Ravensburg, zum Aufnahmezeitpunkt des Sohnes war er pensioniert. Eingangs der Krankengeschichte ist ein „ärztliches Aufnahmezeugnis des Dr. Schröder in Ravensburg vom 30.12.1930 / 14.4.1931“ wiedergegeben. Dort heißt es, dass er sich als Kind normal entwickelt habe, der Beginn seiner „geistigen Störung reicht auf das Jahr 1923 zurück“. Berufsbiographisch wird dann geschrieben, dass er zu diesem Zeitpunkt bei der Gewerbebank Biberach als Lehrling angestellt war, „bekam dort Angstgefühle und klagte häufig über Kopfweh. 1924 kam er in eine Bank nach Pfullendorf, wo er dann abgebaut (sic!) wurde. In der Folgezeit war er erwerbslos, bis er 1925 in der Parkettfabrik in Ravensburg eingestellt wurde. Dort soll er nach einiger Zeit durch die Schuld eines anderen Angestellten seine Stelle verloren haben (??)“. Danach arbeitet er jeweils für kurze Zeit im städtischen Gaswerk, bei der Oberamtssparkasse in Ravensburg, als „Notstandsarbeiter“ und als „Erdarbeiter“. „Wenn ihm etwas nicht passte, ging er einfach von der Arbeit weg und legte sich zu Hause ins Bett“.


Anfang 1930 lernte er ein Mädchen kennen, „bekam aber mit dessen Angehörigen Differenzen, weil er behauptete, das Mädchen hätte bereits ein Kind von einem anderen“. Er wurde von diesen verklagt und erhielt „150 M Geldstrafe“. Am 27.5.1930 ging Herr Angele dann zu dem hier zitierten Dr. Schröder in die Sprechstunde und klagte über Angstgefühle, Zwangszustände, fühle sich beobachtet etc. Eine gewünschte Bescheinigung, dass er arbeitsunfähig sei, wurde ihm verweigert. Dr. Schröder hielt ihn für „anstaltsbehandlungsbedürftig“. Der Vater bringt ihn schließlich im April 1931 in die Anstalt.


Die aufnehmende Abteilung beschreibt ihn als „ruhig, geordnet, besorgt sich selbst, wenig Verkehr mit seiner Umgebung“. Bereits nach wenigen Tagen hilft er „eifrig bei den Erntearbeiten mit“. Ende Mai 1931 wird notiert: „Hat selbst das Gefühl, dass ihm der Aufenthalt gut bekomme und dass er ruhiger geworden sei“. Im Juni wird er vom Vater abgeholt und „nach Hause beurlaubt“. Zwei Jahre später kommt er erneut zur Aufnahme, er hatte keine Arbeit gefunden und immer die gleichen Beschwerden gehabt, insbesondere Angstgefühle. Sein Verhalten nach der Aufnahme: „Ruhig, besorgt sich selbst. Sehr misstrauisch, einsilbig.“ Monate später wird notiert, dass er häufig gereizt sei, sich über das Essen beschwere, das Personal beschimpfe und seine Entlassung fordere. Sein Vater und seine Schwester besuchen ihn regelmäßig. Anfang 1934 wird geschrieben dass er „wieder zugänglicher“ sei. In diesem Jahr stirbt sein Vater, seine Reaktion darauf ist nicht beschrieben. Ab 1937 wird berichtet, dass er „sehr fleißig im Torfschuppen mitarbeitet“ und dass er immer wieder „schauerliche Mordgeschichten erzählt“. Die Einträge werden dann immer seltener – „keine Änderung“. Der letzte Eintrag am 20.2.1940: „Guter Ernährungszustand“. Am Schluss der Akte liegt ein Brief bei, den er im August 1939 an ein „Fräulein Neugebauer“ geschrieben hatte, zum großen Teil ist dieser mit Wasserflecken überzogen. Am Schluss schreibt er „Dein Liebling Rudolf Angele, Kranker“. Am 10.6.1940 wird er mit 69 Anderen Opfern in Weißenau von einem der „Grauen Busse“ abgeholt und am selben Tag in Grafeneck getötet. In einem Aktenkonvolut des Verwaltungsarchivs des ZfP Südwürttemberg/Weißenau mit Briefen von Angehörigen ist ein Schreiben des Bruders von Rudolf Angele zu finden, der am 1.7.1940 aus Stuttgart Degerloch an die „Direktion der Heilanstalt Weißenau“ schreibt: „Von der Landes-Pflegeanstalt Grafeneck erhielt ich am 21. Juni zu meiner größten Bestürzung ein Schreiben, worin mir mitgeteilt wurde, dass mein Bruder Rudolf unerwartet dort verschieden und bereits eingeäschert sei. Vor ca. 3 Wochen (am 9. Juni) besuchte noch meine Schwester ihn in Weißenau und fand ihn körperlich unverändert vor. Es befremdet mich sehr, dass weder von seinem Abgang dort, noch von seinem neuen Aufenthaltsort, sowie von seiner plötzlichen Erkrankung von keiner Seite irgend welche Mitteilung gemacht wurde“.


Die Direktion antwortete am 5.7.1940, dass die Anstalt „von dem Ziel des Transportes nicht unterrichtet“ wurde, dieses sei vom Innenministerium festgelegt worden. Das „Befinden Rudolfs war in den letzten Wochen seines Hierseins öfter gestört, woran er gestorben ist, weiß ich nicht. Med.-Rat“ (unleserliche Unterschrift).


Quelle: Paul-Otto Schmidt-Michel, "Euthanasie'"-Opfer der "Aktion-T4" aus den Städten Ravensburg und Weingarten - Dokumentation erhaltener Krankenakten im Bundesarchiv in Berlin". In: Im Oberland, 1, 2018.

Wilhelm Dangelmaier

geboren am 20.06.1898
Einrichtung: Weissenau ab 23.08.1929

Datum der Verlegung: 22.08.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 22.08.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Alois Ebert

geboren am 20.02.1892
Einrichtung: Liebenau ab 1935

Datum der Verlegung: 02.10.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 02.10.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Otto Eder

geboren am 14.12.1884   
Einrichtung: Weissenau ab 28.04.1924

Datum der Verlegung: 28.08.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 28.08.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Otto Eder, am 14.12.1884 in Ravensburg geboren, wurde am 28.4.1924 in die Anstalt Weißenau aufgenommen. Sein damaliger Wohnsitz war in Stuttgart, er war dort verheiratet und mit seiner Frau Elsa, geb. Henkel, hatte er vier Kinder. Von Beruf war er Kaufmann. Hintergrund seiner Hospitalisierung war ein Banküberfall auf die württembergische Vereinsbank in Stuttgart am 1.9.1923, wo er Bankangestellter war. Bei diesem Überfall erhielt er einen Schlag von einem der Täter (die nicht gefasst wurden, trotz Ausschreibung von 3.000 Goldmark) auf den Kopf, in dessen Folge er vier Wochen bewusstlos war. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus hatte sich sein Wesen verändert, er hatte keine Energie mehr, wurde interesselos, vernachlässigte seine Hygiene, ging nicht mehr zur Arbeit und bedrohte Frau und Kinder. Daraufhin wurde er im Bürgerhospital Stuttgart aufgenommen und nach einigen Monaten nach Weißenau verlegt.


Im Aufnahmebefund wird seine schulische und berufliche Biographie kurz geschildert. Er besuchte zunächst die Volksschule in Ravensburg,  dann die Realschule – auf Grund einer Rückgratverkrümmung und der folgenden  Gipsbettbehandlung konnte er ein Jahr nicht mehr zur Schule gehen und ging danach auf die Volksschule zurück. Nach der Schule erfolgte eine Ausbildung zum Kaufmann, seine erste Anstellung war danach in der Maschinenfabrik in Weingarten „als Correspondent“. 1905 wechselte er zunächst nach Reutlingen in eine Nähmaschinenfabrik, 1914 dann zu Daimler in Untertürkheim und schließlich 1921 in die württembergische Vereinsbank Stuttgart.


Diagnostiziert wird in Weißenau „Hirntrauma“. Auf der aufnehmenden Station wird er als freundlich und geordnet beschrieben, er habe eine „kindliche Ängstlichkeit“, halte sich für gesund und füge sich in die Hausordnung. Er bleibt ununterbrochen bis 1940 in der Anstalt Weißenau. In diesen 16 Jahren ändert sich sein Verhalten wenig, er bleibt „stets für sich“, schläft viel auch tagsüber, „ab und zu schimpft er über seinen Anstaltsaufenthalt, über das Essen, die Abteilung, die Pfleger und Ärzte, sonst ruhig“. Das Personal versucht, ihn stets zu einer Arbeit in der Anstalt zu motivieren, was er viele Jahre verweigert. Schließlich, im Mai  1931 heißt es: „Rückt neuerdings mit der Karrengruppe aus – das Ausrücken bekommt ihm sichtlich gut“. Jedoch bereits im Juni 1931 interveniert seine in Ravensburg lebende Mutter: „Auf Wunsch der unverständigen Mutter unterbleibt das Ausrücken“. Erst 1937 beginnt er „bei den Hausarbeiten mitzuhelfen“. Über die ganzen Jahre heißt es immer wieder „besorgt sich selbst, still für sich, ruhig, geordnet“. In den ersten Jahren weichen nur zwei Einträge davon ab, in denen er „den Kommunismus hochleben läßt“ und „die Internationale singt“. Zu seinen Angehörigen scheint er auf Distanz gegangen zu sein. Ab 1925 und danach wird immer wieder eingetragen, dass er nicht dazu zu bewegen sei, seiner Frau und seinen Kindern Briefe zu schreiben. 1926 steht geschrieben: „Hat in letzter Zeit seine Angehörigen, Schwester und Mutter, beschimpft“. Außer dem oben zitierten Arbeitsverbot der Mutter ist mehr zu den Besuchen der Angehörigen nicht zu erfahren. Ab 1937 gibt es in der Krankengeschichte kaum  mehr Einträge, sie reduzieren sich auf „selbstständig, lächelt still vor sich hin“ und der letzte Eintrag am 16.3.1940 heißt „ruhig, geordnet“. Otto Eder wird am 28.8.1940 mit 75 anderen
Opfern von einem der grauen Busse in Weißenau abgeholt und am selben Tag in Grafeneck ermordet.


Quelle: Paul-Otto Schmidt-Michel, "Euthanasie'"-Opfer der "Aktion-T4" aus den Städten Ravensburg und Weingarten - Dokumentation erhaltener Krankenakten im Bundesarchiv in Berlin". In: Im Oberland, 1, 2018.

Karl Giring

geboren am 11.03.1877   
Einrichtung: Liebenau ab 1934

Datum der Verlegung: 02.10.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 02.10.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Josefine Haller

geboren am 13.12.1905
Einrichtung: Weissenau ab 02.03.1937

Datum der Verlegung: 03.10.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 03.10.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Josefa Hirscher

geboren am 10.06.1896
Einrichtung: Liebenau ab 1935

Datum der Verlegung: 13.08.1940 Z nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 30.08.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Paul Hofmann

geboren am 25.01.1932
Einrichtung: Liebenau ab 1938

Datum der Verlegung: 30.08.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 24.09.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Adolf Hund

geboren am 07.02.1877
Einrichtung: Weissenau ab 13.09.1913

Datum der Verlegung: 13.09.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 13.09.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Adolf Hund am 7.2.1877 in Ravensburg geboren, wurde am 12.9.1919 in die Heilanstalt Weißenau aufgenommen. Er hatte drei Geschwister, Vater und Mutter waren bei seiner Aufnahme bereits verstorben. Biographisch wird in der Akte beschrieben, dass er nach Abschluss der Volksschule eine Lehre als Kellner in Weingarten absolvierte und danach in der Schweiz, in Italien, Frankreich und England als Kellner gearbeitet hat. 1897 bis 1899 leistete er „aktiven Wehrdienst“ in Weingarten. In England erkrankte er 1902 an einer bakteriellen Infektion, konnte aber weiter arbeiten. 1911 unterzog er sich einer Behandlung der Infektion mit Salvarsan in Tübingen. Am 7.7.1915 wurde er zum Heeresdienst eingezogen, im November 1917 wegen des Verdachts der anhaltenden Infektion für zwei Wochen zur Beobachtung nach Weißenau geschickt und dort für wehruntauglich erklärt. Ab Dezember 1917 bis zum 7.1.1919 arbeitete er bei einem Gärtner in Weingarten. Während dieser Zeit fühlte er sich meist müde, hatte Schwindel und Magenbeschwerden und war „reizbar“. Bei der Aufnahme in Weißenau wurde eine Infektion des Gehirns diagnostiziert. Nach der Aufnahme lautet der erste Eintrag: „Hält sich geordnet, bleibt für sich. Arbeitskraft […] sehr gut“. Bis 1925 wiederholen sich diese kurzen Beschreibungen seines Verhaltens und es wird betont, dass „er gut gehen kann“ und sein Gedächtnis gut sei. Ab 1925 lehnt er über Jahre hin weg jegliche Arbeit ab: „Arbeitet nicht, raucht den ganzen Tag, will in Ruhe gelassen sein, ablehnend zum Arzt“. Im Juli 1928 wird erwähnt, dass seine Schwester ihm „Geld aus der Schweiz“ geschickt habe und er sich darüber ärgere, dass er „über das Geld nicht selbst verfügen kann“. Ab 1932 häufen sich die Einträge, dass er seine Entlassung einfordert und sich erregt zeigt, wenn diese abgelehnt wird. Erst Ende der 1930er Jahre wird häufig erwähnt, dass er regelmäßig „Besuch seiner Angehörigen“ erhält, mit diesen jedoch streitet – über was, wird nicht gesagt. In den letzten beiden Einträgen (10.10.1939 und 15.3.1940) wird geschrieben: „Schaut meist zum Fenster hinaus, hat kein Kontakt mit den Anderen, liest manchmal die Zeitung, arbeitet nichts, besorgt sich selbst“. Adolf Hund wird am 28.8.1940 zusammen mit weiteren 75 Männern und Frauen in Weißenau abgeholt und in Grafeneck getötet.


Quelle: Paul-Otto Schmidt-Michel, "Euthanasie'"-Opfer der "Aktion-T4" aus den Städten Ravensburg und Weingarten - Dokumentation erhaltener Krankenakten im Bundesarchiv in Berlin". In: Im Oberland, 1, 2018.

Kreszentia Huchler

geboren am 03.07.1917
Einrichtung: Liebenau ab 1925

Datum der Verlegung: 02.07.1940 S nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 29.07.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Anna Maria Jauz

geboren am 01.04.1888  
Einrichtung: Liebenau ab 1925

Datum der Verlegung: 02.10.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 02.10.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Johannes Kaspar

geboren am 21.04.1898  
Einrichtung: Weissenau ab 19.12.1925

Datum der Verlegung: 27.05.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 27.05.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Johannes Kaspar 11 wurde am 2.4.1898 in Ravensburg geboren und am 19.12. 1925 in der Heilanstalt Weißenau aufgenommen. Zur „Vorgeschichte nach Angaben des Patienten“ wird geschrieben, dass er als Kind mit sieben Jahren eine Hirnhautentzündung hatte, in der Schule leicht gelernt habe und ab seinem 14. Lebensjahre etwa alle vier Wochen einen epileptischen Anfall hatte. Sein Vater ist von Beruf Bürstenmacher in Weingarten (Pinselfabrik), die Mutter ist früh an „Schwindsucht“ verstorben. Er hat einen 7 Jahre jüngeren Bruder, der das Gipserhandwerk gelernt hat. Nach der Schule hat er eine Lehre als Maschinenschlosser abgeschlossen und dann ab 1917 in der Maschinenfabrik Weingarten gearbeitet. 1924 sei ihm wegen seiner Anfälle gekündigt worden; ein Arbeitsversuch in einer Gießerei sei gescheitert, da er nach acht Tagen wieder einen Anfall bekommen habe. Wenige Wochen sei er dann „im Bruderhaus“ mit Bromsalz behandelt worden, jedoch ohne Besserung.


Weshalb er jetzt nach Weißenau gekommen sei wisse er nicht, Sanitäter haben ihn hierher gebracht. Er bleibt bis 1940 in der Anstalt. Die ersten Verlaufseintragungen lauten: „Besorgt
sich selbst, macht Spiele mit den Anderen, freundlich, neigt zum spotten, immer wieder unzufrieden“. Anfang 1927: „Versucht fleißige Ausrücker von der Arbeit abzuhalten“. Seine ca. wöchentlichen Krampfanfälle werden trotz Einnahme von Barbiturat nicht weniger. 1928 macht er einen Arbeitsversuch als Gartenarbeiter, der nach vier Wochen wieder abgebrochen wird. Danach erleidet er einen „Verwirrtheitszustand“ und „glaubt sterben zu müssen, möchte dass man die Angehörigen ruft“. 1929 steht geschrieben „liest viel, rückt wieder aus“. Anfang 1930 wird eine „Entweichung“ vermerkt, er habe mit einem nachgemachten Schlüssel ein Fenster im Tagsaal selbst geöffnet, sei über Schmalegg nach Ravensburg gelaufen, um 23.00 in der Wohnung seines Vater gewesen und um 24.00 wieder in die Anstalt gebracht worden. Auch zwischen 1930 und 1939 ist fast jährlich von ähnlich ablaufenden „Fluchtversuchen“ die Rede und von suizidalen Äußerungen; einmal wird berichtet, dass er versuchte, eine Glasscherbe zu verschlucken. Trotzdem arbeitet er in diesen Jahren regelmäßig. Seine Anfälle treten weiter alle zwei bis fünf Tage auf. Der letzte Eintrag am 1.3.1940 heißt „schweigsam, zurückhaltend“. Johannes Kaspar wird am 27.5.1940 in Grafeneck ermordet.


Quelle: Paul-Otto Schmidt-Michel, "Euthanasie'"-Opfer der "Aktion-T4" aus den Städten Ravensburg und Weingarten - Dokumentation erhaltener Krankenakten im Bundesarchiv in Berlin". In: Im Oberland, 1, 2018.

Eugen Kuhn

geboren am 18.01.1907   
Einrichtung: Weissenau ab 07.07.1935

Datum der Verlegung: 20.05.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 20.05.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Eugen Kuhn, geboren am 18.1.1907 in Schnaitheim, Kreis Heidenheim, wurde am 7.7.1935
in der Heilanstalt Weißenau aufgenommen; sein letzter Wohnsitz war Ravensburg, wo er als Metzger arbeitete. Offensichtlich waren die Eltern zugegen: Der aufnehmende Arzt schreibt in der Akte die Vorgeschichte „nach Angaben der Eltern“. Der Vater, der als „Metzger im Gespinstmarkt“ in Ravensburg arbeitete, berichtet: „Bis vor 3-4 Tagen haben die Eltern, bei denen der im Schlachthof beschäftigte K. wohnt, nichts besonderes an ihm gemerkt. Dann habe er angefangen, unregelmäßig zu essen, sei auch aufgeregt gewesen. Am 6.Juli nachmittags nach der Arbeit äußerte er, er gehe fort und komme nicht wieder, man habe ihm eine Falle gestellt (...) Nachts sei er gegangen, um 6 Uhr früh wiedergekommen (...) Seinen Schlachthof- und Hausschlüssel warf er zum Fenster hinaus.“ Er sei dann zum Tierarzt des Schlachthofs gegangen, dort habe er „verwirrt gesprochen“, der Tierarzt riet ihm ins Krankenhaus zu gehen. Er befolgt dies und vom Krankenhaus habe man ihm „wegen steigend aufgeregten Wesens“ in die Anstalt gebracht. In den Tagen nach seiner Aufnahme sei er „redselig, guter Dinge, geordnet“ gewesen und er „rückt aus“. Im Oktober wird geschrieben, dass er zum katholischen Glauben wechseln möchte, „ideenflüchtig“ sei und sich mit Lesen unterhalte. Von 1936 bis 1940 zieht er sich immer mehr zurück, arbeitet nicht mehr, er sei „unzugänglich und widerspenstig, schimpft, schneidet Grimassen“. Der letzte Eintrag findet sich am 3.1.1940 „liegt im Bett und schaut vor sich hin“. Eugen Kuhn wird im Alter von 33 Jahren am 20.5.1940 in Grafeneck getötet.


Quelle: Paul-Otto Schmidt-Michel, "Euthanasie'"-Opfer der "Aktion-T4" aus den Städten Ravensburg und Weingarten - Dokumentation erhaltener Krankenakten im Bundesarchiv in Berlin". In: Im Oberland, 1, 2018.

Paul Landauer

geboren am 25.07.1882 
Einrichtung: Weissenau ab 21.12.1938

Datum der Verlegung: 22.08.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 22.08.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Albert Metzler

geboren am 20.02.1915
Einrichtung: Liebenau ab 1930

Datum der Verlegung: 01.07.1940 S nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 22.07.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Mathilde Michler

geboren am 14.01.1885   
Einrichtung: Liebenau ab 1935

Datum der Verlegung: 13.08.1940 Z nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 30.08.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Kreszens Nagel

geboren am 09.02.1892   
Einrichtung: Liebenau ab 1934

Datum der Verlegung: 02.10.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 02.10.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: ja

Johanna Negele

geboren am 10.02.1899  
Einrichtung: Weissenau ab 28.05.1923

Datum der Verlegung: 24.05.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 24.05.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Helene Ott

geboren am 01.02.1911   
Einrichtung: Liebenau ab 1926

Datum der Verlegung: 30.08.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 24.09.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Emma Riesch

geboren am 22.08.1893
Einrichtung: Liebenau ab 1935

Datum der Verlegung: 30.08.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 24.09.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Johanna Rüffle

geboren am 27.01.1905
Einrichtung: Liebenau ab 1939

Datum der Verlegung: 13.08.1940 Z nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 30.08.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Franz Josef Schatz

geboren am 27.06.1911
Einrichtung: Liebenau ab 1939

Datum der Verlegung: 01.07.1940 S nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 22.07.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Elise Weggenmann

geboren am 20.12.1887
Einrichtung: Liebenau ab 1939

Datum der Verlegung: 30.08.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 30.08.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Matthäus Ziegler

geboren am 06.10.1870  
Einrichtung: Weissenau 13.03.1922

Datum der Verlegung: 20.05.1940 nach Grafeneck

Sterbedatum und Todesort: 20.05.1940 in Grafeneck

Akte im Bundesarchiv: nein

Die Opfer-Liste wurde von Paul-Otto Schmidt-Michel auf der Grundlage von Angaben der Gedenkstätte Grafeneck und des Bundesarchivs Berlin/Lichterfelde, Bestand R 179, Kanzlei des Führers, recherchiert – dies ist der Forschungsstand vom 15.5.2018. Möglicherweise erhöht sich die Opferzahl, wenn Bürger der Region in anderen, entfernteren Anstalten untergebracht waren – dies ist jedoch bislang nicht erforscht.

(Lebens- und Schicksalsgeschichte zusammengefasst – soweit bislang vorhanden (6))

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