Diese Freundschaft ist keine Selbstverständlichkeit

16.09.2019 | Vor 30 Jahren haben die Gemeinden im Mittleren Schussental ihre Städtepartnerschaft mit der Metropole Brest in der Republik Belarus begründet.

 

Dies zu feiern, hat Brest eine Delegation aus Oberschwaben eingeladen, an der Millenniumsfeier in Brest teilzunehmen. Dort blickt man dieser Tage stolz auf die 1000-jährige Geschichte der Stadt zurück.

Brest, Leninplatz: Taschen- und Ausweiskontrollen, weiträumige Sperrung der wichtigsten Durchgangsstraße, Tausende festlich gekleideter Gäste warten. Fanfare. Auftritt Staatspräsident Lukaschenka. Das Volk erhebt sich, klatscht höflich Beifall. Chöre, folkloristische Tanzgruppen, Artisten und Sportlerinnen zeigen Episoden aus der Geschichte der Stadt. In einer Multimediashow werden die Gäste der ersten Besiedlung der Stadt gewahr, sehen Szenen aus der Blüte der Handelszeit, dem Überfall der Deutschen im „großen vaterländischen Krieg“ und werden mitgenommen in eine Wohlstand verheißende Zukunft.

Alexander Grigorjewistsch Lukaschenka eröffnet das Fest zum Brester Millennium. Er spricht vom Magdeburger Stadtrecht, das Brest früh genoss, von der ersten Typografie, der Raumfahrt, großen sportlichen Erfolgen und Musikschaffenden, die aus der Stadt hervorgingen. Dass die eigene Obrigkeit vor gut 180 Jahren die Stadt geschliffen hat, um eine Festung zu errichten, wird während der Festtage ausgespart. Die heutige Stadt befindet sich rund zwei Kilometer östlich der ursprünglichen Ansiedlung. Lieber verweist der Autokrat auf die erste Freihandelszone um Brest, auf die stabile wirtschaftliche Entwicklung. Er lobt die Verschönerung der Stadt, der Straßen und Plätze. Als Geschenk an die Stadt und deren Museum überreicht er eine 465 Jahre alte Bibel, die in Brest gedruckt worden ist. Mit herzlichem Dank – „agromne spasiba“ – nimmt der Vorsitzende des Exekutivkomittees Bürgermeister Alexander Rogachuk das wertvolle Kulturgut entgegen, das fortan „auf ewig in dieser Stadt bleiben werde“.

Brest, Schule Nummer 20: Ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler in dieser Schule lernt Deutsch. Seit zehn Jahren pflegt die Schule Nummer 20 einen intensiven Austausch mit der Ravensburger Waldorfschule. Die Brester Bildungseinrichtung hat sich für den Besuch der Delegation aus dem Mittleren Schussental herausgeputzt. Unter den Augen der gestrengen Schulleiterin präsentieren ausgewählte Kinder und Jugendliche ihre Lernerfolge. Die Gäste werden mit russischen Gedichten, sorgfältigen Schreibübungen, Handarbeit und deutschen Einlagen bedacht. Eine Gruppe präsentiert das Märchen von der Rübe, die einfach nicht aus dem Boden gezogen werden will. Besonders beeindrucken zwei Elftklässlerinnen, die bereits vier Mal zu Gast in Ravensburg waren, mit kurzen Vorträgen. Sie wollen „eine Zukunft ohne Kriege und Katastrophen bauen“ und „jeden Tag eine gute Tat“ vollbringen. Sie schützen die Natur und die Umwelt und engagieren sich in sozialen Projekten zur Unterstützung schwächerer und kranker Personen.

Brest, Festung: Auf der von den Flüssen Bug und Muchawez umschlungenen Insel wurde Brest einst gegründet. Die Festung nahe der Grenze zu Polen ist heute Gedenkstätte. Hier wird der Tausenden Toten gedacht, die beim Überfall des faschistischen Deutschlands und beim Sturm der Festung getötet wurden. Demütig legen die Gäste aus Deutschland rote Rosen an der Ewigen Flamme vor der riesigen Skulptur des toten Soldaten nieder. „Es ist nicht selbstverständlich, dass wir Deutschen als Freunde in dieser Stadt eingeladen sind“, fasst Ravensburgs Oberbürgermeister Daniel Rapp beim Empfang der Delegationen im Schauspielhaus die Eindrücke zusammen. Und dafür erntet er deutlichen Beifall.

Eine Parade, die Brest als Handels- und Wirtschaftsstadt ebenso zeigt wie als Kultur- und Sportstadt, eine große Multimedia-Millenniumsshow mit großem Feuerwerk gehören zum offiziellen Programm. Begegnungen mit alten Bekannten, ein überaus herzlicher Empfang der Gäste durch einen Chor und ein überraschendes Wiedersehen zweier Frauen, die sich vor 25 Jahren in Weingarten und Ravensburg getroffen und aus den Augen verloren haben, gehören zu den Eindrücken, die sich in die Herzen der Gäste eingegraben haben. Bis zum nächsten Wiedersehen vergehen hoffentlich keine 25 Jahre.

Gelegenheit gibt es Ende September. Dann kommt die Brester Schule Nummer 20 nach Ravensburg zum Schüleraustausch.


Text: Heike Engelhardt / Die Brückenbauer, Städtepartnerschaftsverein Ravensburg e. V. 

Info:

Ravensburg ist den Städten Montélimar in Frankreich, Rivoli in Italien, Varaždin in Kroatien, Rhondda Cynon Taff in Wales, Mollet del Vallès in Spanien sowie Coswig in Sachsen partnerschaftlich verbunden. Über den Gemeindeverband Mittleres Schussental besteht darüber hinaus eine Partnerschaft mit Brest in der Republik Belarus. Mehr Infos zu Ravensburgs Partnerstädten.

Zur Erinnerung an die Kriegsopfer legte die Delegation aus dem Schussental rote Rosen am Denkmal auf der Brester Festung nieder. Foto: Christoph Hepperle
Zur Erinnerung an die Kriegsopfer legte die Delegation aus dem Schussental rote Rosen am Denkmal auf der Brester Festung nieder. Foto: Christoph Hepperle

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