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Rückblick

Säen und Jäten
Volkskultur in der zeitgenössischen Kunst

Eine Ausstellung der Städtischen Galerie Ravensburg in den Räumen der Städtischen Galerie Ravensburg und in der Columbus Art Foundation
vom 27. Juni bis 4. Oktober 2009.

Ausstellungsflyer "Säen und Jäten"

Bildspaziergang durch die Ausstellung
 
Der Herausbildung einer globalen weltumspannenden Kultur steht eine erneute Hinwendung zu überlieferten regionalen Kulturen gegenüber. In den westlichen Gesellschaften tauchen volkskulturelle Bräuche, Techniken und Symbole in den letzten Jahren verstärkt nicht nur in den Medien und der Mode, sondern auch in der Bildenden Kunst wieder auf.



Das vom Kunstfonds geförderte Ausstellungsprojekt „Säen und Jäten“ gibt einen Überblick über die Aktualisierung und Transformation regionaler Volkskultur in der Gegenwartskunst. Dabei stehen weniger zeitgenössische Formen der Volkskultur, d. h. Laienkunst im Vordergrund. Im Fokus des Projektes steht vielmehr die künstlerische Orientierung an dem Konstrukt einer „alten“, regional geprägten Volkskultur, die heute auf unterschiedlichste Weise in die ästhetische Produktion einfließt und neue Verbindungen mit dem Zeitgeschmack eingeht.



Ausgehend von historischen Positionen wie Wassily Kandinsky, Asger Jorn oder Joseph Beuys, die die Volkskultur in der Tradition der Romantik als Träger einer „ursprüngliche Ausdruckskraft“ idealisierten, liegt der Schwerpunkt des rund 25 KünstlerInnen umfassenden Projektes auf aktuellen Positionen: Von der nationalen Geschichte unbelasteter als Joseph Beuys hat beispielsweise Steingrimur Eyfjörd auf der Biennale 2007 in Venedig im Isländischen Pavillon die Volkskultur seines Landes auf poetische Art und Weise reflektiert. Häufig wird die Volkskultur in der aktuellen westlichen Kunst jedoch ironisch gebrochen adaptiert, wie im Werk von Britta Jonas oder im Werk der indisch-schweizerischen Künstlerin Olga Titus, bei der schweizerische Traditionen eine hybride Mischung mit der indischen Kultur eingehen.



Beteiligte Künstler:
Raed Bawayah
Joseph Beuys
Franz Eggenschwiler
Steingrimur Eyfjörd
Kristof Georgen
Sebastian Hammwöhner
Uwe Henneken
Britta Jonas
Aurelia Mihai
Mariella Mosler
Michael Munding
Monika Nuber
Gabriela Oberkofler
David Renggli
Anselm Reyle
Anila Rubiku
Gitte Schäfer
Wiebke Siem
Andreas Slominski
Martin Städeli
Helmut Stallaerts
Olga Titus
Gert und Uwe Tobias

Konzept und Kuratorin:
Dr. Nicole Fritz

Weitere Stationen der Ausstellung:
Städtische Galerie Wolfsburg (Frühjahr 2010)
Städtische Galerie Bietigheim (Sommer 2010)

Begleitprogramm

Kinderführungen ab 6 Jahren
Samstag, 18. Juli,  15. August  und 19. September 2009,
jeweils um 11 Uhr mit Andrea Dreher

Mittwoch, 5. August und 9. September, 19 Uhr
(für Kinder von 7 – 10 Jahren)
Es spukt: Spukgeschichten und Spukgestalten mit Andrea Dreher

Kunst im Gespräch
Pro Person zusätzlich 2 € (außer Filmabende)

Mittwoch 8. Juli, 19 Uhr
Führung mit der Ausstellungskuratorin Dr. Nicole Fritz

Mittwoch, 19. August, 19 Uhr
Heimatklänge (92 Min.)
Ein Dokumentar-Film von Stefan Schwietert, 2007

Mittwoch, 2. September, 19 Uhr
Im Lauf der Zeiten: Oberwalliser Lebenswelten (65 Min.).
Ein ethnografischer Film von Marius Risi, 2006,
Einführung Dr. Marius Risi

Mittwoch, 23. September, 19 Uhr
Skulpturale Tendenzen in der Gegenwartskunst,
Vortrag von Dr. Nicole Fritz

Exkursion
Anmeldung unter Tel. 0751 / 36 38 714
Mittwoch 29. Juli, 19 Uhr, Treffpunkt Bauernhaus-Museum Wolfegg
Führung durch das Bauernhaus-Museum unter Berücksichtigung
der Ausstellung »Säen und Jäten«
(Mitfahrgelegenheit: Treffpunkt 18.30 Uhr, Städtische Galerie)

Ravensburger Kunstnacht
Freitag, 2. Oktober 2009, 19-24 Uhr

Finissage

Sonntag, 4. Oktober, 2009 16 Uhr
Führung mit der Ausstellungskuratorin Dr. Nicole Fritz

Katalog

Säen und Jäten – Volkskultur in der zeitgenössischen Kunst.
Mit einem Essay von Nicole Fritz, 124 Seiten. 24 € (ermäßigt 20 €)


Interview für Kinder

"Mehli" hat sich mit Frau Dr. Nicole Fritz unterhalten. Hier könnt Ihr nachlesen, worüber sie gesprochen haben.




 





 

Dr. Nicole Fritz


Mehli: Hallo Frau Fritz. Ich habe in der Städtischen Galerie vor ein paar Tagen eine Postkarte mitgenommen, die ziemlich gruselig aussieht. Man sieht darauf einen mit Fell verkleideten Menschen, mit einer Rute in der Hand, mit Hörnern auf dem Kopf, der in einem Aufzug steht. Das passt alles gar nicht zusammen. Hat sich der Künstler eigentlich selbst verkleidet?
 

Fritz: Nein, auf dem Bild, das Du ansprichst, das übrigens „Es spukt“ heißt, ist nicht der Künstler, zu sehen, der sich verkleidet hat. In diesem Fall war der Künstler vielmehr der Fotograf, der den Fellmann aufgenommen hat. Ja, wer ist dann der Mann in diesem Fellkostüm, fragst Du jetzt vielleicht? Dahinter verbirgt sich ein junger Mann im Allgäu. In dieser Gegend gibt es jedes Jahr am 5. und 6. Dezember den Brauch des Klausentreibens. An diesem Tag verkleiden sich die jungen Männer mit diesen schaurigen Kostümen und ziehen mit Ruten durch die Ortschaften. Dazu machen sie viel Lärm, da man früher glaubte, dass dies helfen würde, die bösen Geister zu verjagen.

Der Künstler, der diese Szenen als Fotograf mit dem Fellmann im Aufzug dokumentiert hat, heißt Helmut Stallaerts. Er lebt heute in Belgien. Als Kind ist er aber häufiger ins Allgäu gereist, weil seine Mutter dort her stammte. Weil er sich früher auch oft vor den Fellmännern erschreckt hat, hat er sich daran erinnert und ist als Erwachsener nochmal ins Allgäu gefahren, um diesen Brauch mit Hilfe seines Fotoapparates festzuhalten. Dabei ist zufällig dieses Bild mit dem Fellmann im Fahrstuhl entstanden. Es hat mir sehr gut gefallen, weil es die alte Volkskultur und die moderne Alltagskultur auf einem Bild zusammenbringt. Deshalb habe ich es als Motiv für das Plakat unserer Ausstellung gewählt.   
 


Helmut Stallaerts: „Es spukt“, 2005;
DiasecFace auf Aluminium;
Courtesy Galerie Johnen und Schöttle


Mehli: Irgendwo steht, dass Sie die Kuratorin der Ausstellung sind. Meine Freundin lernt Latein und die meinte, Kuratorin sei Lateinisch, aber erklären konnte sie mir das Wort auch nicht. Gibt es dafür eine deutsche Erklärung?


Fritz: In dem Wort Kuratorin oder Kurator steckt das lateinische Wort "curare". Das heißt im Deutschen Sorge tragen, sich „sorgen um“. Als Kuratorin muss ich mich um sehr vieles sorgen bzw. kümmern, um eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Ich muss Kontakt zu den Künstlern aufnehmen, die Werke von einem Transportunternehmen zusammen holen lassen und dafür sorgen, dass das Publikum, also ihr, diese auch versteht. Zum Beruf des Kurators gehört es deshalb auch, Texte zu schreiben für Wandtafeln oder Audioguides, um diese dann an die Menschen zu vermitteln oder auch Führungen zu machen.


Mehli: In der Ausstellung zeigen ja viele verschiedene Künstlerinnen und Künstler ihre Werke. Mussten Sie alle Künstler vorher treffen oder reichte es zu telefonieren oder E-Mails zu schreiben. Was ist, wenn zwei Künstler sich nicht mögen und nicht zusammen ausgestellt werden wollen? Kommt so etwas vor?


Fritz: Bei dieser Ausstellung war es mir sehr wichtig, alle Künstler persönlich kennenzulernen und zu besuchen. Ich habe sie alle besucht und gefragt, warum sie sich für Volkskultur bzw. das Leben der Bauern interessieren. Ich bin sogar (natürlich auf eigene Kosten) letzten Sommer in den Ferien nach Island gereist, um den isländischen Künstler Steingrimur Eyfjörd kennenzulernen. Ich hatte seine Arbeiten in einer Ausstellung gesehen und wollte ihn besser verstehen. Zu Deiner zweiten Frage: Natürlich mögen sich Künstler mal mehr mal weniger. Ich habe es aber noch nie erlebt, dass ein Künstler abgesagt hat, weil er mit einem anderen Künstler nicht einer Ausstellung sein wollte. Bei einer Profi-Fußballmannschaft geht es ja auch nicht, dass beispielsweise Sebastian Schweinsteiger sagt, ich spiele jetzt nicht mehr mit, nur weil Mario Gomez vom VFB jetzt auch zu den Bayern nach München kommt.


Mehli: Ihre Ausstellung hier in Ravensburg heißt „Säen und Jäten“. Ehrlich gesagt, denke ich dabei an Bauern und Gärtner. Wie sollen die Leute denn kapieren, dass es um Kunst geht?


Fritz: "Säen und Jäten" ist als ein Bild zu verstehen. Man sagt ja auch "hegen und pflegen" oder "säen und ernten". Die Künstler säen und jäten das Feld der Volkskultur. Damit ist gemeint, dass sich die Künstler mit der Volkskultur beschäftigen. Im Untertitel „Volkskultur in der zeitgenössischen Kunst“ haben wir ja auch deshalb noch ausführlicher erklärt, dass es in der Ausstellung sowohl um Volkskultur als auch um Kunst geht.


Mehli: Kommt eigentlich einer der Künstlerinnen oder Künstler in der Ausstellung tatsächlich von einem Bauernhof? Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum sich Künstler für so ein „Land“-Thema interessieren. Sie kennen bestimmt einen Grund.


Fritz: Ein oder zwei der beteiligten Künstler kommen von einem Bauernhof, andere sind in ländlichen Gebieten aufgewachsen und haben in ihrer Kindheit alte Bräuche, Trachten oder auch Häuser gesehen. Die haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt, um sich noch einmal an ihre Kindheit zu erinnern - sich mit ihrer Heimat, den eigenen Wurzeln, auseinanderzusetzen, um danach dann auch besser zu wissen, was einem diese Vergangenheit bedeutet.

Mehli: Die Ausstellung findet dieses Mal an zwei Orten in Ravensburg statt. Sind die Kunstwerke etwa so groß, dass sie nicht in die Städtische Galerie passen oder wollten Sie einfach eine große Ausstellung machen?


Fritz: Wir wollten einen Überblick geben zu diesem Thema. Überblicke schafft man nicht mit drei Beispielen. Dazu braucht man mehr Künstler, um verschiedene Seiten des Themas darzustellen. Ein anderer Grund ist der, dass wir auch neue Partner-Museen gewinnen wollen, mit denen wir in der Zukunft gemeinsam Ausstellungen austauschen. Da die Ausstellungsräume der Galerien in anderen Städten wie Bietigheim oder Wolfsburg größer sind, war es  notwendig, eine größere Ausstellung in Ravensburg zu machen, damit diese dann auch in den anderen Städten gezeigt werden kann. Wir sind froh, dass die Columbus Art Foundation als zweiter Ausstellungsort in Ravensburg mit uns zusammenarbeitet. Im nächsten Jahr reist die Ausstellung „Säen und Jäten“ dann in die Städtische Galerie Wolfsburg und danach in die Städtische Galerie Bietigheim.


Mehli: Stimmt es, dass es in der neuen Ausstellung auch um Bräuche und Volksfeste und solche Sachen geht? Da passt ja das diesjährige „Rutenfest“ perfekt zur Ausstellung. Kurz vor den Sommerferien müssen wir Schülerinnen und Schüler aus Ravensburg uns mit historischen Kostümen verkleiden, bei einem großen Festumzug mitmachen und das Rutenlied auswendig singen. Manche Kostüme sind peinlich und kratzen, aber den meisten von uns macht das Spaß. Sie müssen sich das Rutenfest unbedingt als Kuratorin anschauen, vielleicht entdecken Sie im Rutenfest sogar Kunst!


Fritz: Ich wollte schon lange mal zum Rutenfest und bin sehr gespannt darauf. Ich bin sicher, dass ich dort auch Kunst entdecken kann.


Mehli: Liebe Frau Fritz, ich bin total gespannt, was für Kunstwerke Sie nach Ravensburg transportieren lassen. Die Postkarte mit dem Fellmenschen hat mir auf jeden Fall schon Lust auf die Ausstellung gemacht. Jetzt werde ich meine Freundin anrufen und ihr stolz berichten, was das Wort Kuratorin bedeutet.


Fritz: Das Gespräch hat mir Spaß gemacht und ich würde mich freWiebuen, wenn Du Deine Freundin, Deinen Freund und am besten auch noch Deine Eltern und Großeltern mit in die Ausstellung bringen würdest. Sie könnten sehen, dass Kunst und Volkskultur keine zwei Welten sind, sondern viel mehr miteinander zu tun haben, als man denkt.

 

 
Wiebke Siem, Ohne Titel, 2007
Bienenkorb aus Roggenstroh, Maske aus Abachiholz
 
 



 

 

 


 

 

 

 

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